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Eine tolle Erfahrung: Was andere aus Liverpool mitnehmen

vergrößern: Klassenraum in Liverpool (© Helena Küster)
Klassenraum in Liverpool

Helena Küster studiert Engtlisch und den Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation auf das Lehramt für Gymnasium und Gesamtschule. Im März 2015 hat sie in Liverpool ihr Berufsfeldpraktikum an einer Grundschule in Liverpool absolviert. Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen mit dieser einmaligen Gelegenheit. Freundlicherweise gibt sie Ihnen auch mit ihren Fotos einen Eindruck.

Erwartetes und Unerwartetes

Ich studiere Englisch und den Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation auf Gymnasial-/Gesamtschullehramt und habe im März vier Wochen lang mein Berufsfeldpraktikum an einer Primary School in Liverpool absolviert. Die Eindrücke, die ich in Liverpool gewinnen konnte, waren so vielfältig wie wertvoll und umfassen neben pädagogischen und fachdidaktischen Aspekten auch meine Freizeit in dieser Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten und vielen netten und gastfreundlichen Menschen.

Vieles war genauso, wie ich es erwartet hatte: der Linksverkehr, die kleinen Reihenhäuser, meine Aufregung und die Schuluniformen. Anderes hatte ich jedoch nicht erwartet: die großartige Gastfreundlichkeit und die Wertschätzung, die mir selbst als Praktikantin entgegengebracht wurden, das Engagement der LehrerInnen und die positive Atmosphäre an der Schule – sowie leichte Verständigungsprobleme zu Beginn, die mit dem Liverpooler Akzent zusammenhingen.

Schulleben und Unterrichtsmethoden

Die LehrerInnen waren hilfsbereit und freundlich trotz langer Arbeitszeiten. Britische Kinder beginnen ihren Schultag zwischen viertel vor neun und neun Uhr am Morgen und beenden ihn gegen viertel nach drei am Nachmittag. Dazwischen liegen eine einstündige Mittagspause und je nach Altersgruppe ein bis zwei "playtimes" von jeweils 15 Minuten Dauer auf dem Schulhof. Nahezu alle Lehrkräfte an dieser Schule sind lange vor Unterrichtsbeginn da und bleiben auch nach Schulschluss länger, um gemeinsam und Klassen übergreifend den nächsten Tag vorzubereiten. Häufig geschieht dies in Form von PowerPoint-Präsentationen, da jeder Klassenraum mit einem Smartboard ausgestattet ist. Auch ein iPad und mindestens zwei weitere Computer in den Klassenräumen sowie ein Computerraum unterstützen den Unterricht und sollen die Medienkompetenz fördern.

Individuelle Förderung

Die Wege und Mittel der individuellen Förderung der Schülerinnen und Schüler in allen Bereichen sind vielfältig und schließen Unterrichtsfächer wie "drama", IT, "chess", Spanisch und Musikunterricht mit ein. Es war beeindruckend, dass jedes Kind eine Violine gestellt bekommt und gemeinsam musiziert wird. Neben diesen besonderen Unterrichtsmaterialien und -methoden ist es in vielen englischen Schulen auch Gang und Gebe, dass neben einer zweiten Lehrkraft in den unteren Klassenstufen eine weitere Person, ein "teaching assistant" den Lehrer/die Lehrerin unterstützt. Die Unterrichtsbegleitung erfolgt zum Beispiel durch das Kopieren und Zuschneiden von Arbeitsblättern, in der Pausenaufsicht, durch Hilfestellung im Unterricht, aber auch durch gezielte Einzelarbeit auf dem Flur, besonders im Bereich Lesen.

Die Stimmung war dadurch offener und entspannter. Beispielsweise blieben die Türen zu den Klassenräumen nahezu immer offen und ich habe keinmal erlebt, dass eine Lehrkraft einem Kind gegenüber laut wurde. Trotz aller angestrebten Konsequenz wurde fast immer ruhig mit den Kindern gesprochen, was neben anderen Faktoren sicher auf das klar strukturierte und von allen mitgetragene Regelsystem zurückzuführen ist. Nach mehrfacher Verwarnung wurden die Kinder in einen anderen Klassenraum geschickt, wo sie bis zur "playtime" warten mussten und dann mit der/dem dortige/n KlassenlehrerIn zu reflektieren, was passiert war.

Inklusion und "no racism"

Sehr beeindruckt hat mich auch das Konzept "no racism", das in der Schule nicht nur theoretisch angewandt, sondern auch gelebt wurde. Ich habe in meiner ersten Woche die oben erwähnte "reception" besucht, in meiner zweiten Woche war ich in der ersten Klasse, in Woche drei in Klasse 3 und zum Abschluss in der fünften Jahrgangsstufe. Ich habe also viele unterschiedliche Klassen kennengelernt und konnte die SchülerInnen näher kennenlernen und mit einigen arbeiten. Besonders spannend fand ich die Förderung eines Jungen in der fünften Klasse, die ich ein paar Tage durchführen durfte. Er vier Wochen zuvor aus dem Jemen nach England gekommen war – ohne Englischkenntnisse und Schulbildung.

Da ich einmal in der Inklusion arbeiten möchte, fand ich auch spannend zu sehen, dass in allen Jahrgangsstufen Differenzierung üblich ist. Fächerspezifisch wurden die SchülerInnen in Gruppen an Gruppentische zugeteilt, um den Stärken und Schwächen angepasste Aufgaben zu lösen. Das System hat meiner Meinung nach sehr gut funktioniert und jedem Kind sein Bestes abverlangt.

Neben all den positiven Aspekten der englischen Grundschule, die ich besucht habe, gab es auch Dinge, die mich irritiert haben und die ich teilweise im deutschen Schulsystem sinnvoller gelöst finde. Kinder können in Großbritannien ab dem dritten Lebensjahr die "nursery" besuchen, auf die anschließend die "reception" folgt. Ich hatte keine Gelegenheit die "nursery" zu besuchen, aber obwohl die "reception" viele Faktoren eines typischen Kindergartens aufweist, wie einen hohen spielerischen Anteil, beginnen die teilweise Vierjährigen bereits mit dem Schreiben und Rechnen. Auch ansonsten müssen sie häufig schon viel Stillsitzen, Zuhören und leise sein. Während dies einigen Kindern leicht viel und sie Freude am Lernen hatten, fiel es anderen schwerer, sich zu konzentrieren.

Liverpool und ein Fazit

vergrößern: Liverpool (© Helena Küster)
Stadtansicht von Liverpool

Auch außerhalb der Schule gibt es in Liverpool viel zu sehen. Als Studierendenstadt – es gibt dort drei Universitäten – findet man viele Bars, Cafés und Restaurants sowie ein großes kulturelles Angebot. Staatlich getragene Museen sind umsonst und als Heimatstadt der Beatles und anderen Bands ist auch die Musikszene in Liverpool ausgeprägt. Die Innenstadt ist recht ähnlich strukturiert wie die Kölner Schildergasse und Hohe Straße und das Meer ist nicht weit. Während Liverpool selbst am Flussdelta liegt, braucht es nur eine knappe halbe Stunde mit Bus und Bahn, um am Meer zu sein.

Liverpool war für mich eine tolle Erfahrung, bei der ich nicht nur mein Englisch anwenden und verbessern konnte, sondern auch viele nette Menschen kennengelernt habe. Ich nehme vor allem die Ideen zur Differenzierung im Unterricht mit, die vielleicht in meinen späteren inklusiven Unterricht einfließen können und hoffe, dass es mir gelingt, etwas von der Gelassenheit im Umgang mit den Kindern und den Enthusiasmus für den Lehrberuf, den ich bei allen Lehrkräften dort gespürt habe, beizubehalten.

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