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Studie: Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem

Die Zahl zugewanderter Kinder und Jugendlicher im schulpflichtigen Alter in Deutschland steigt seit Jahren. Wie kann es gelingen, zugewanderte und geflüchtete Kinder und Jugendliche bestmöglich in das deutsche Schulsystem aufzunehmen und zu unterrichten? Lange war noch zu wenig über diese Kinder und Jugendlichen bekannt: Wie viele sind es? Wo kommen Sie her? Wie sind ihre Sprachkenntnisse? Welche rechtlichen und schulischen Regelungen für den Zugang zu Schule und Unterricht gibt es in den einzelnen Bundesländern?

Die Frage, wie neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im Bildungssystem aufgenommen werden können, ist jahrelang vernachlässigt worden. Am 8. Oktober 2015 haben das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und das Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln ihre gemeinsame Studie "Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem" veröffentlicht. Diese gibt erstmals einen bundesweiten Überblick über die schulische Situation neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher

Nehmen Sie einen vertieften Einblick in die Studie. Wir stellen Ihnen zentrale Ergebnisse und Empfehlungen vor. Sie erfahren mehr über die Situation in Köln. Sie sehen, welche Handlungsempfehlungen Sie schon jetzt umsetzen können.

Fundierte Grundlage für weitere Bedarfsplanungen

Die Studie bezieht nicht nur geflüchtete Kinder und Jugendliche ein, sondern alle sechs bis 18-Jährigen, die neu nach Deutschland zuwandern. Für die Studie haben die AutorInnen umfassend Daten des Statistischen Bundesamtes, des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge und kommunale Daten aus den letzten Jahren bis Ende 2014 ausgewertet.

Mit den Berechnungen dieser Studie liegen erstmals fundierte Annäherungswerte vor. Sie liefern nötige Informationen, um Konzepte neu aufsetzen zu können. Mit dieser Planungsgrundlage ist es nun möglich, den Bedarf an Lehrkräften und weiteren Ressourcen rechtzeitig einzuschätzen.

Auf einen Blick

Besondere Herausforderung für weiterführende Schulen

Insbesondere die weiterführenden Schulen stehen vor großen Herausforderungen: Laut der Studie sind mehr als zwei Drittel der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen zwischen zehn und 18 Jahre alt: Allein 14 Prozent gehören zur Altersgruppe der 18-Jährigen. Sie benötigen einen Schulplatz an einer weiterführenden Schule. Insbesondere an berufsbildenden Schulen sind zusätzliche Kapazitäten erforderlich.

Große regionale Unterschiede

Unterschiede zeigen sich auch hinsichtlich der regionalen Verteilung: Zwar lag der Anteil neu zugewanderter SchülerInnen an der GesamtschülerInnenzahl im Bundesdurchschnitt 2014 bei 1,02 Prozent, er schwankt jedoch deutlich zwischen den Bundesländern und einzelnen Regionen.

Viele lokale Unterschiede in Köln

Allein innerhalb der Kölner Stadtteile schwankt der Anteil zwischen 0,8 und 2,7 Prozent. Dazu kommt eine ungleiche Verteilung hinsichtlich der Schulformen: In Köln beispielsweise werden Vorbereitungsklassen häufiger an Haupt-, Real- und Gesamtschulen als an Gymnasien eingerichtet. Insgesamt gibt es an knapp zwei Dritteln aller Kölner Schulen keine parallel geführten Klassen.

Auf einen Blick

Gesetzliche Schulpflicht selten ohne Einschränkungen

Die Studie gibt auch einen Überblick über rechtliche Rahmenbedingungen, die Organisation des Unterrichts und Unterstützungsangebote für Lehrkräfte sowie Schulen. Großer Nachholbedarf besteht hinsichtlich der gesetzlichen Schulpflicht: Nur in Berlin und im Saarland gilt diese uneingeschränkt von Anfang an. In allen anderen Bundesländern gilt sie nicht automatisch für Kinder und Jugendliche ohne Aufenthaltsstatus oder vor Beginn des Asylverfahrens.

"Das Verfahren kann derzeit mehrere Monate, teilweise länger als ein Jahr dauern. Auch wenn in diesem Zeitraum ein Recht auf Schulbesuch besteht, sind die Kinder und Jugendlichen häufig faktisch vom Schulbesuch ausgeschlossen", kritisiert Mona Massumi, abgeordnete Lehrerin am ZfL und Mitautorin der Studie.

Mehr außerschulische Lernangebote schaffen

Ein Geflüchteter Kosovare lernt in der Kölner Notunterkunft in der Herkulesstraße Deutsch.

Die AutorInnen empfehlen daher, dass zwischen Ankunft und Schulbesuch nicht mehr als drei Monate liegen sollten. Für diesen Zeitraum sollten außerdem außerschulische Lernangebote geschaffen werden. Das ZfL bietet dazu beispielsweise bereits seit 2014 in Kooperation mit der Stadt Köln das Projekt "Prompt! Deutsch lernen" an. Kölner Lehramtsstudierende fördern Kinder und Jugendliche in der Kölner Notunterkunft für Flüchtlinge beim Deutschlernen. Daraus sind viele Initiativen in der Region Köln entstanden, Sprachförderangebote für geflüchtete Menschen aufzubauen.

Unterrichtsorganisation uneinheitlich

Für die Unterrichtsorganisation gibt es in allen Bundesländern Regelungen. Allerdings sind diese unterschiedlich verbindlich und konkret und geben den Schulen teilweise nur wenig Orientierung.

Die Studie hat fünf Modelle identifiziert, nach denen neu zugewanderte Kinder und Jugendliche unterrichtet werden. Das Spektrum reicht von integrativem Unterricht in der normalen Klasse ab dem ersten Tag bis zur Einrichtung parallel geführter Klassen, in denen die SchülerInnen zunächst Deutsch lernen und später sogar einen Schulabschluss erwerben können. Alle Modelle sind darauf angelegt, möglichst schnell den Übergang in eine Regelklasse bzw. Berufsausbildung zu ermöglichen.

In den meisten Bundesländern sind jedoch mehrere Modelle im Einsatz, abhängig von der Region, SchülerInnenzahlen und der Schulform. Insgesamt werden parallel geführte Klassen häufiger an weiterführenden Schulen eingerichtet als an Grundschulen. "Zu der Frage, welches Modell am besten funktioniert, gibt es noch keine wissenschaftlich fundierte Antwort. Grundsätzlich können sowohl integrative Modelle als auch parallele Modelle sinnvoll sein. Das Modell muss zur Schule passen", resümiert Dr. Nora von Dewitz, Mitautorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Mercator-Institut.

Auf einen Blick

Unübersichtliche Fortbildungsangebote für Lehrkräfte und Schulen

Es wird deutlich, dass die Bundesländer zunehmend Unterstützungs- und Fortbildungsangebote für Lehrkräfte und Schulen auf den Weg bringen. Das Angebot ist jedoch häufig unübersichtlich. "Das Thema ist kein Projekt für eine Taskforce auf Zeit, sondern eine langfristige Aufgabe. Migrationsbewegungen, wie wir sie gerade erleben, sind ein wiederkehrendes Phänomen. Dieses Thema wird immer wieder und durchgängig eine Rolle spielen. Gerade deshalb sollten auch Mindeststandards für den Schulbesuch neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher entwickelt werden. Die Themen Migration und Deutsch als Zweitsprache müssen noch breiter in der Lehramtsausbildung verankert werden", fordert Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek, Direktor des Mercator-Instituts.

Empfehlungen für eine zukunftsweisende LehrerInnenbildung

Dazu geben die AutorInnen in der Studie Handlungsempfehlungen sowohl für die Bildungspolitik und Bildungsadministration als auch für die Schulpraxis und Lehramtsausbildung. So sei es unumgänglich eine migrationssensible Haltung zu entwickeln. Das könne helfen der Entstehung institutioneller Diskriminierung entgegen zu wirken. Angehende LehrerInnen müssten bereits in ihrer Ausbildung und später durch Fort- und Weiterbildungen kontinuierlich für Vielfalt ihrer SchülerInnenschaft sensibilisert werden.

Das ZfL bietet seinen Kölner Lehramtsstudierenden dazu Berufsfeldpraktika im Ausland an. Hier werden die Studierende für eine rassismuskritische Haltung sensibilisiert und in der Auseinandersetzung damit begleitet und unterstützt. Die Seminarkonzeption können Sie in der ZfL-Schriftenreihe "Praxisphasen Innovativ" nachlesen.

Weitere Empfehlungen

Die vollständige Studie mit weiteren Empfehlungen können Sie kostenlos über das Mercator-Institut herunterladen.

Kontakt

Für Rückfragen steht Ihnen Mona Massumi, Mitautorin der Studie, gerne zur Verfügung:

Tel: +49 221 470-6203
E-Mail: mona.massumi(at)uni-koeln.de