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Laufzeit bis August 2017

Vernetzte Alltagswelten

Schule, Alltag, Ethnologie

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Schokolade: Weltweites Genussmittel und einstiger Luxusartikel des Adels – heute schon für unter einem Euro im Supermarkt erhältlich. Spätestens seit 2010, als eine internationale Umweltschutz-Organisation in einem online Video auf die Produktionsbedingungen von Schokoladenriegeln aufmerksam machte und damit eine weltweite Entrüstung über die produzierenden Firmen auslöste, bietet sich Schokolade als Mittel an, um auf die gesellschaftlichen und alltäglichen Dimensionen aufmerksam zu machen. Dies kann sich sowohl in den Vorteilen der Globalisierung, als auch in den schlechten Lebensbedingungen der Menschen in den Produktionsländern zeigen.

Berufsfeldpraktikum mit Schokolade

Das dachten sich auch die Verantwortlichen von "Vernetzte Alltagswelten". Sie bieten Berufsfeldpraktika an, in denen sich SchülerInnen in einem Durchgang sowohl mit der dunklen, als auch der bunten Seite von Schokolade befassten – stellvertretend für eine differenzierte Wahrnehmung und Beurteilung ihrer normalen Lebenswelt in einer globalisierten Gesellschaft.

Vernetzung von Lehramt und Ethnologie

Das 2015 als Pilotprojekt gestartete interdisziplinäre Berufsfeldpraktikum "Vernetzte Alltagswelten" bietet sowohl Lehramts- als auch Ethnologie-Studierenden die Möglichkeit, eine Schulprojektwoche zu Produkten der Alltagswelt und ihren globalen Zusammenhängen zu gestalten. Damit verbinden das Institut für Ethnologie und das Zentrum für LehrerInnenbildung (ZfL) der Universität zu Köln die berufsfeldpraktische Lehramtsausbildung mit schulischem Projektunterricht.

Feldforschung in Schule

Das Berufsfeldpraktikum ist im zweiten Studienjahr Bestandteil der Lehramtsausbildung an der Universität zu Köln. Mit diesem Praktikum sollen außerschulische Berufsfelder oder Bereiche anderer Schulformen kennengelernt werden. "Vernetzte Alltagswelten" ermöglicht schulischen Unterricht fernab gewohnter Unterrichtsmethoden kennenzulernen und selbst mit zu entwickeln. Im Rahmen eines reflektierten Prozesses mit eigenen Fragestellungen werfen die Studierenden einen forschenden, ethnologischen Blick auf Schule. Die SchülerInnen werfen im Rahmen einer Exkursion einen Blick in Lernwelten außerhalb der Schule und werden zu eigenständigen FeldforscherInnen.

Selbstreflexion vom Vorbereitungsseminar bis zum E-Portfolio

Bevor die Studierenden in die Schulprojektwoche mit den SchülerInnen starten, werden sie in einem Vorbereitungsseminar mit professionellem Coaching, organisiert von ZfL und dem Institut für Ethnologie, unterstützt. Im Rahmen des Seminars

  • bereiten die Studierenden die Unterrichtsprojekte vor,
  • erarbeiten sich didaktische und pädagogische Konzepte und
  • lernen Grundlagen ethnologischer Methoden.

Alle Studierenden schreiben während des Seminars an einem Projekttagebuch. Dieses ist zugleich Grundlage für das professionelle Selbstverständnis, das wiederum Teil des verpflichtenden Portfolios zum Berufsfeldpraktikum der Lehramt-Studierenden ist. Ethnologie-Studierende verfassen damit ihren Praktikumsbericht.

Lernen im Team durch individuelle Interessensschwerpunkte und Kompetenzen

Das Berufsfeldpraktikum richtet sich sowohl an Lehramtsstudierende aller Schul- und Fächerkombinationen als auch an Ethnologiestudierende (im Ergänzungsmodul). Im Coaching stärken die Studierenden in ihren Kompetenzen, ähnlich wie Lehrende das auch mit ihren Lernenden tun sollten.

Berücksichtigt werden auch die Studienfächer: Studierende der Wirtschaftswissenschaften könnten sich in diesem Fall z. B. mit dem fairen Schokoladen-Markt und den jeweiligen Produktions- und Vermarktungsstrategien auseinandersetzen. Das geht etwa anhand eines selbst kreierten Werbeplakats. Während andere den SchülerInnen z. B. mit einem Rollenspiel eine Annäherung an die ökonomischen und kulturellen Ursachen der Kinderarbeit ermöglichen könnten.

"Die intensive Arbeit in interdisziplinären Lernteams hat sich dabei besonders bewährt und lässt auch die Studierenden über den Tellerrand ihres Faches hinaus blicken."

Neue Perspektiven auf Vielfalt als Gewinn für die eigene Unterrichtsgestaltung

Lehramtsstudierende können von ethnologischen Herangehensweisen bei ihrer projekt-orientierten Unterrichtsgestaltung profitieren. Denn durch Anwendung ethnografischer Zugänge können die zukünftigen Lehrkräfte sowohl sich selbst, als auch ihre SchülerInnen in die Lage versetzen, als ForscherInnen die Schule und damit vernetzte Lebenswelten zu erkunden.

SchülerInnen und Studierende werden so ermuntert, auf das Gewohnte einen anderen, forschenden Blick zu werfen, sich selbst und eigenes Handeln zu hinterfragen. "Das ermöglicht, die Augen für eigene und andere Vielfalt zu öffnen", betont Heike Heinemann-Bollig.

Für Ethnologiestudierende ist das Projekt eine gute Möglichkeit, Berufsfelder im Bildungsbereich auszuprobieren und dabei ethnologische Arbeitsweisen anzuwenden.

Heike Heinemann-Bollig

Wenn die Studierenden uns am Ende des Projekts erzählen, dass sie selbst neue Perspektiven im Umgang mit der heterogenen Gesellschaft für ihren späteren Lehramtsberuf sammeln konnten, weiß ich, dass sich unsere Arbeit doppelt lohnt. Ich freue mich, auch in diesem Jahr "Vernetzte Alltagswelten" mit meinen Kolleginnen anbieten zu können.

Heike Heinemann-Bollig