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06.10.2022

Mehr Radikalisierung Jugendlicher während der Pandemie?

Soziale Isolation und massive Internetnutzung haben vulnerable Jugendliche anfälliger für extremes Gedankengut und Gewaltbereitschaft gemacht.

Auch wenn junge Menschen sich trotz der belastenden Erfahrungen während der Corona-Pandemie in aller Regel nicht extremer verhalten haben, haben sich radikale Einstellungen unter Jugendlichen in besonders gefährdeten Gruppen verstärkt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln. Die Studie untersucht anhand qualitativer Interviews mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sozialer Einrichtungen sowie mit Schülerinnen und Schülern Faktoren, die für eine Radikalisierung während der Pandemie verantwortlich waren und zeigt zugleich Präventionsmöglichkeiten auf. Jugendliche, die etwa aufgrund instabiler Familienverhältnisse oder wegen ihrer geringen Akzeptanz in der Gesellschaft vorbelastet sind, sind bei einer Verstärkung sozialer Isolation besonders anfällig für extremes Gedankengut.

Während der Pandemie haben staatsgefährdende Straftaten Jugendlicher deutlich zugenommen. In Einzelfällen, so das Ergebnis der Interviews, gab es einen Anstieg von 2 bis 3 Straftaten im Jahr auf bis zu 3 Fälle in der Woche, die von sozialen Einrichtungen begleitet wurden. Gleichzeitig berichten Schülerinnen und Schüler, das Internet und soziale Medien während der Pandemie fünfmal häufiger benutzt zu haben.

Als Ursache für eine Radikalisierung Jugendlicher benennt die Studie ein Zusammenspiel sogenannter Push- und Pull-Faktoren. Zu den Push-Faktoren zählen Einflüsse aus dem persönlichen Hintergrund eines Menschen, etwa psychische Probleme, Frustration, Identitätskrisen, eine gescheiterte Integration oder fehlende

soziale Bindungen. Als Pull-Faktoren werden Einflüsse extremistischer Akteure bezeichnet. Sie versprechen dem Individuum Gemeinschaft, Zugehörigkeit, Anerkennung und eine Besserstellung gegenüber der Gesellschaft. Jugendliche sind besonders gefährdet, da sie sich in einer Phase der Orientierung und Suche nach Identität befinden. Das macht sie empfänglich gegenüber Angeboten extremistischer Gruppen. Diese nutzen das Internet gezielt, um Jugendliche zu erreichen. Jugendliche, die im realen Leben wenig integriert sind, sind dafür besonders empfänglich, weil sie soziale Medien und das Internet nutzen, um Anschluss zu finden.

Die Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen während der Pandemie haben eine Radikalisierung unter Jugendlichen begünstigt, weil sie Push- und Pull-Faktoren verstärkt haben. Jugendliche wurden zum einen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisierung eingeschränkt, was Frustration, psychische Belastung, Entwicklungsstörungen, Neigung zu Suchtmitteln und einen massiven Internetkonsum begünstigt hat. Besonders gefährdet waren Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien, die den Belastungen stärker ausgesetzt waren. Zum anderen haben extremistische Gruppen die pandemiebedingte Unsicherheit genutzt, um eigene Narrative an junge Menschen heranzutragen.

Wege aus der Isolation und soziale Akzeptanz sind daher entscheidende Faktoren, die Jugendliche vor extremem Gedankengut und radikalen Handlungen bewahren. Ziel sozialer Einrichtungen ist es hierbei, über eine langfristige Vertrauensarbeit an gefährdete Jugendgruppen heranzutreten und sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu stärken.

Informationen zur Studie:

Berninger, Ina & Reichelt, Juliane (2022): Radikalisierungsgefährdung bei Jugendlichen. Der Einfluss der Coronapandemie und pädagogische Interventionsmöglichkeiten. hrsg. v. Zentrum für LehrerInnenbildung (ZfL). Köln

Link zur Studie:

https://zfl.uni-koeln.de/sites/zfl/Publikationen/discussion-papers/discussion- paper_2022_5.pdf

 

Pressekontakt:
Merle Hettesheimer
Universität zu Köln / Zentrum für LehrerInnenbildung
Leitung Kommunikation und Events
Tel. +49 221 470 5687
E-Mail: m.hettesheimerSpamProtectionuni-koeln.de