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ZfL bei Diversity-Woche von 13. bis 17. Mai

Vortrag: Aktuelle Befunde zu Antisemitismus in Schulen und Podiumsgespräch

Im Rahmen der 5. Diversity-Woche der Universität zu Köln hat Prof.' Dr.' Julia Bernstein (FH Frankfurt) am 14. Mai 2019 einen Vortrag zu aktueller Forschung zu gegenwärtigem Antisemitismus in Schulen und Handlungsmöglichkeiten von Lehrkräften gehalten. Das anschließende Podiumsgespräch zu strukturellen Maßnahmen für einen antisemitismusfrei(er)en Schulraum fand in Kooperation mit dem Schulpreis "Toleranz macht Schule – Schulen der Toleranz" und dem Zentrum für LehrerInnenbildung (ZfL) Köln statt.

Im Podiumsgespräch: Prof.' Dr.' Julia Bernstein,  Myrle Dziak-Mahler (Geschäftsführerin des ZfL Köln), Sophie Brüss (SABRA - Servicestelle für Antidiskriminierungsarbeit Beratung bei Rassismus und Antisemitismus) und Nina Laube (Extremismusprävention, Landesstelle Schulpsychologie und Schulpsychologisches Krisenmanagement). Die Veranstaltung moderierte Joachim Frank (Kölner Stadt-Anzeiger).

Prof.' Dr.' Julia Bernstein im Interview

"Sei nicht so israelisch"

Immer wieder kommt es an Schulen zu Übergriffen gegen jüdische Schülerinnen und Schüler. Die Soziologin Prof.' Dr.' Julia Bernstein hat in einer Studie erstmals die Sicht der Betroffenen in den Blick genommen. Im Interview klärt sie, warum Antisemitismus in Deutschland wieder ein Thema ist und warum die Lehrer so selten einschreiten.

Sie haben eine Studie zu Antisemitismus an Schulen veröffentlicht. Die Studie nimmt erstmals die Sicht der Betroffenen, insbesondere der jüdischen Schülerinnen und Schüler, in den Blick. Zu welchen Ergebnissen kommen Sie?

Wenn man die Sicht der Betroffenen mit der Sicht der von uns befragten Lehrerinnen und Lehrer, die an den Schulen unterrichten, vergleicht, hat man das Gefühl, man bewegt sich in zwei verschiedenen Welten. Die betroffenen Schülerinnen und Schüler haben berichtet, dass sie sich nicht geschützt fühlen, dass sie von ihren Lehrern keinen Rückhalt bekommen. Die Lehrer tun Beleidigungen, die Schüler gegenüber ihren jüdischen Mitschülern äußern, oft als kindlichen Unfug ab. Antisemitismus wird verharmlost: Wenn Jugendliche "Du Jude", "Mach mal keine Judenaktion", "Komm nicht in den Judenkreis" oder "Sei nicht so israelisch" sagen – es gibt da eine ganze Liste an Beleidigungen – empfinden Lehrer das nicht unbedingt als antisemitisch, weil Jugendliche so etwas ohne Absicht äußern. Sie haben das dann nicht so gemeint. Viele Lehrerinnen und Lehrer verstehen nicht, dass es sehr unterschiedliche Formen von Antisemitismus gibt. Für die Betroffenen ist das sehr verletzend. Schließlich geht es um ihre Identität, die stigmatisiert wird. In unseren Interviews haben sie erzählt, dass ihnen unterstellt wird, keine Steuern zu zahlen, reich zu sein oder ein "typisch jüdisches" Aussehen zu haben.

Hat der Antisemitismus in Deutschland wieder zugenommen?

Ich glaube, er war immer da, aber in letzter Zeit ist er lauter, enttabuisierter.
Man hat keine Hemmungen mehr, sich antisemitisch zu äußern. Viele Deutsche haben eine Art Schlussstrichmentalität entwickelt. Sie sind es leid, über den Nationalsozialismus zu sprechen. Gleichzeitig wünschen sie sich eine eigene positive Identität. Diese Kombination ist anfällig für Manipulation. Man hat das Gefühl, es war zu lange verboten, sich kritisch zu äußern. Man durfte nichts Schlechtes über Juden sagen. Nun kommt langsam eine emotionale Distanz zur Geschichte auf, die sich in einer Täter-Opfer-Umkehr äußert. Juden werden zu Tätern gemacht, Kinder als Projektionsfläche für alles, was in Israel passiert, missbraucht. Der Israelhass ist sehr verbreitet. Manchen legitimieren ihn auch mit einer vermeintlichen Geschichtsverpflichtung. In unserer Studie haben wir Verhaltensmuster identifiziert, die wir als "Echo aus der Vergangenheit" bezeichnen: Hakenkreuze werden an Wände geschmiert, der Hitlergruß gezeigt und jüdische Schülerinnen und Schüler mit "Gassprüchen" beschimpft. Das machen nicht nur Neonazis sondern ganz normale Kinder. Sie provozieren damit und die Lehrer fühlen sich überfordert.

Wie reagieren Lehrer denn, wenn Jugendliche ihre jüdischen Mitschüler mit "Gassprüchen" beleidigen?

Sie sagen "Wie kannst Du nur?" oder schmeißen den Schüler oder die Schülerin aus der Klasse. Manches kann man leicht sanktionieren, anderes nicht. Schließlich sind es ja Kinder, die so etwas tun. Ein Hakenkreuz spricht eine eindeutige Sprache, darauf kann man reagieren. Aber Sprüche wie "Du bist hier zum Vergasen" werden mit der Impulsivität und Unwissenheit der Kinder entschuldigt.

Geben Sie Lehrerinnen und Lehrern in der Studie Handlungsempfehlungen?

Ja, unsere Studie beinhaltet ein ganzes Kapitel dazu. Wir haben jüdische Lehrerinnen und Lehrer befragt, positive Beispiele aufgeführt, ein Quizz eingebunden und vieles mehr. Vor allem empfehlen wir den Lehrerinnen und Lehrern, sofort zu reagieren und ein klares Zeichen zu setzen. Man darf kommunikative Gewalt nicht zulassen. Lehrer müssen sich ihrem Erziehungsauftrag verpflichtet fühlen, nicht nur dem Neutralitätsauftrag. Sie müssen alle Kinder beschützen. Gleichzeitig müssen sie den Kindern beibringen, Worte und Handeln so einzusetzen, dass sie andere nicht kränken und sie nicht angreifen. Lehrer benutzen oft den "No Blame Approach", das bedeutet, dass man den Täter nicht beschuldigt, also "no blame" betreibt. Sie schicken einen Schüler dann lieber für zwei Minuten vor die Tür. Wenn man dem Kind aber nicht erklärt, was es getan hat, haben die anderen daraus gelernt, dass es vielleicht doch in Ordnung war. Wenn jemand in Anspielung auf den Nahost-Konflikt "Du Jude" sagt, muss man ein klares Zeichen setzen. Dabei ist es manchmal sogar besser, einen Nahost-Konflikt-Experten einzuladen, statt selbst den Experten zu spielen.

Gibt es auch Schulungen und Coachings für Lehrer?

Wir sind gerade dabei, das zu entwickeln. Mindestens genauso wichtig sind Angebote im Lehramtsstudium. Wir müssen schon im Studium präventive Arbeit leisten.

Wie könnten Angebote im Studium aussehen?

Ich würde eine ganze Reihe Workshops und Seminare anbieten, mit einem theoretischen Teil und einem praktischen, in dem man mit Situationen umgehen lernt. Das Ganze kann man dann auch in einen größeren wissenschaftlichen Kontext stellen, beispielsweise den der Forschung zu Stereotypen und Vorurteilen.

Bis Lehramtsstudierende ihr Studium abgeschlossen haben und an einer Schule arbeiten, vergehen natürlich ein paar Jahre. Solange kann man sicher nicht warten. Was kann man kurzfristig tun?

Es gibt etliche Fortbildungsangebote, zum Beispiel von der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt oder vom Kompetenzzentrum für Prävention und Empowerment in Berlin. Das ist zwar noch ein Topfen auf dem heißen Stein, aber wir arbeiten daran. Man kann mich auch gerne für einen Vortrag oder ein Coaching kontaktieren.

Haben Sie auch positive Beispiele an Schulen erlebt?

Natürlich. Es gibt sehr engagierte Lehrer, die auf Antisemitismus sofort reagiert haben, ein klares Zeichen gesetzt und Kindern den Kontext erklärt haben. Die mit den Kindern Bildungsstätten besucht haben. Es ist auch immer sehr wirkungsvoll, Zeitzeugen einzuladen. In der persönlichen Begegnung können die Kinder eine positive Verbindung zwischen einem Menschen und seiner Herkunft herstellen.

 

JULIA BERNSTEIN ist Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurter University of Applied Sciences (IUS). Ende 2018 veröffentlichte sie die Studie "Mach' mal keine Judenaktion. Herausforderungen und Lösungsansätze in der professionellen Bildungs- und Sozialarbeit gegen Antisemitismus", in der sie der Frage nachgeht, wie Betroffene Antisemitismus in Schulen erleben und wie Lehrerinnen und Lehrer mit Antisemitismus umgehen. Weitere Befunde aus der Forschung Bernsteins sind im Kurzbericht nachzulesen, der online frei zur Verfügung steht.

Interview: Merle Hettesheimer